Praxisklinik Krebsheilkunde für Frauen / Brustzentrum

Zielgerichtete Tumortherapien („targeted therapy“)

Zielgerichtete Tumortherapien sind relativ neuartige medikamentöse Behandlungen, die sich gezielt gegen bestimmte Eigenschaften der Krebszellen (Rezeptoren, Enzyme, Moleküle) oder gegen Strukture in der Umgebung der Krebszellen (Tumorgefäße) richten.

Diese gezielten Therapien sind keine Chemotherapien. In aller Regel werden diese Medikamente mit klassischen Behandlungsforme (also Chemotherapie oder antihormoneller Therapie) kombiniert.

Antikörper

Der Antikörper Trastuzumab (Herceptin®)

Bei schätzungsweise 15% der an Brustkrebs erkrankten Frauen kann der Pathologe die Eigenschaft „HER2-neu-positiv“ an der Oberfläche des Tumors feststellen. Im Befund steht dann HER2-neu (3+) oder cerb-B2 (3+).Das heißt, das die Tumorzellen hat an der Oberfläche sehr viele Bindungsstellen (Rezeptoren) für einen Wachstumsfaktor haben.

Dieser Wachstumsfaktor ist ein Eiweißbaustein, der sich an Zellen setzt und ihre Teilung anregt. Wenn eine Tumorzelle die Oberflächeneigenschaft HER2-neu-positiv aufweist, kann der Wachstumsfaktor also an die Tumorzelle binden und dadurch ihr Wachstum fördern.

Der Antikörper Trastuzumab blockiert die Bindungsstelle, das Tumorwachstum wird gehemmt.

Trastuzumab wird in aller Regel sehr gut vertragen. Manchmal treten bei der ersten Gabe immunologische Reaktionen wie Schüttelfrost oder leichtes Fieber auf. Diese Symptome lassen sich aber gut behandeln.

Selten wird im Laufe einer Behandlung mit Trastuzumab der Herzmuskel angegriffen. Das kann sich durch zunehmende Kurzatmigkeit oder durch eine rasche Gewichtszunahme (aufgrund von Wassereinlagerungen im Körper) bemerkbar machen.

Um möglichst frühzeitig eine eventuell beginnende Schwächung des Herzmuskels festzustellen, werden alle Patientinnen unter Trastuzumab-Behandlung in regelmäßigen Abständen zum Herzspezialisten (Kardiologen) zur Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiographie) überwiesen. Falls die Untersuchung Auffälligkeiten ergibt, muss die Trastuzumab-Gabe in der Regel beendet werden. Dann kann sich das Herz wieder erholen.

Trastuzumab wird sowohl in der vorbeugenden Behandlung nach einer Brustkrebs-Diagnose eingesetzt (adjuvante Therapie) als auch in fortgeschrittenen Erkrankungssituationen (palliative Therapie).

Trastuzumab muss als Tropf (Infusion) verabreicht werden, meist im Abstand von 3 Wochen. In bestimmten Situationen kommt eine wöchentliche Gabe zur Anwendung.

In der vorbeugenden Sicherheitstherapie nach der Erstdiagnose eines Brustkrebses wird Trastuzumab üblicherweise über ein Jahr gegeben (also in 17 einzelnen Infusionen). In der fortgeschrittenen Erkrankungssituation gibt es kein vorher festgelegtes Therapie-Ende.

Die Antikörperbehandlung wird in der Regel zusammen mit einer Chemotherapie begonnen, aber dann nach Ende der zytostatischen Behandlung noch fortgesetzt.

Eine parallele Gabe von Trastuzumab und Antihormonen (seien es Tabletten oder Spritzen) ist möglich und wird bei entsprechenden Tumoreigenschaften eingesetzt.

Abschließend soll hier nochmals betont werden, dass Trastuzumab nur eingesetzt werden kann, wenn die Eigenschaft Her2-neu-positiv vom Pathologen am Tumor festgestellt wurde.

Der Angiogeneshemmer Bevacizumab (Avastin®)

Der Wirkstoff Bevacizumab greift nicht die Krebszellen selbst an, sondern wirkt auf Zellen in der Umgebung, die für das Tumorwachstum wichtig sind.

Tumoren brauchen ab einer bestimmten Größe eigene, neu gebildete Blutgefäße, um sich weiter mit ausreichend Sauerstoff und Nährstoffen versorgen zu können. Das Bevacizumab hemmt die Bildung solcher neuer Blutgefäße, der Tumor wird dadurch schlechter versorgt.

Bevacizumab wird außerhalb von Therapiestudien nur zur ersten Behandlung eines fortgeschrittenen (metastasierten) Brustkrebses eingesetzt. Es muss bei Behandlungsbeginn mit einem Chemotherapeutikum kombiniert werden, kann aber nach Beendigung der Chemotherapie als sogenannte Erhaltungstherapie fortgesetzt werden, um den Erfolg der Behandlung zu festigen.

Es gibt bisher keine Tumoreigenschaft, die eine Vorhersage darüber erlaubt, ob das Bevacizumab gut wirken wird. Es wird in der Regel eingesetzt, wenn man ein möglichst schnelles Schrumpfen der Metastasen erreichen will.

small molecules

Die zielgerichtete Tumortherapie mit den sogenannten small molecules zählt zu den modernen Krebstherapien.

small molecules wirken auf bestimmte Moleküle in der Zelle, die eine zentrale Rolle für das Tumorwachstum spielen.

Aus diesem Grund wird diese Therapieform auch als "zielgerichtete Therapie" bezeichnet.

Eine alleinige Behandlung mit den small molecules, die als Tabletten zur Verfügung stehen, ist derzeit nur bei wenigen Krebsarten möglich. Häufig ist eine Kombination dieser Substanzen in bestehende Therapiekonzepte, wie z.B. einer Chemotherapie am erfolgreichsten.

Da die neuen Wirkstoffe in Prozesse eingreifen, die in größerem Ausmaß nur in Krebszellen ablaufen, versprechen sie im Vergleich zur Chemotherapie eine gezieltere Wirkung auf die Krebserkrankung.

Die Nebenwirkungen gezielter Tumortherapien unterscheiden sich von denen der Chemotherapien oder antihormonellen Therapien. Aus diesem Grund gehören diese modernen Behandlungsformen in die Hand eines erfahrenen Therapeuten.

Lapatinib (TYVERB®)

Lapatinib blockiert ein spezielles Enzym – eine Tyrosinkinase - und wird zur Behandlung von Patienten mit Brustkrebs eingesetzt, der ein spezielles Merkmal vorweist – das übermäßige Vorhandensein von Bindungsstellen (Rezeptoren) für Wachstumsfaktoren – den HER2-neu Rezeptor. Etwa 15 Prozent aller bösartigen Brustkrebsformen weisen dieses Merkmal auf. Über die Tyosinkinase wird eine Informationskette in der Tumorzelle in Gang gesetzt, die die Zellteilung und damit das Tumorwachstum anregt.

Lapatinib wird insbesondere eingesetzt, wenn der Brustkrebs schon fortgeschritten ist oder Tochtergeschwulste (Metastasen) gebildet hat und eine Behandlung mit einer anderen Therapie in dieser Erkrankungsphase nicht mehr wirksam war.

Derzeit ist Lapatinib (Tyverb®) in Kombination mit einem Chemotherapeutikum Capecitabin (Xeloda®) oder mit einer antihormonellen Therapie (Anastrozol) zugelassen.

Wir erwarten in Zukunft auch die Zulassung in Kombination mit dem Antikörper Trastuzumab (Herceptin®)

Nebenwirkungen

Lapatinib wird insgesamt gut vertragen.

Die häufigsten Nebenwirkungen, die unter einer Therapie mit Lapatinib zu erwarten sind, sind Hautprobleme unterschiedlicher Art, beispielsweise akneähnliche Reaktionen und im Verlauf sehr trockene Haut. Ebenfalls häufig treten Durchfälle auf, die aber mit einfachen Behandlungen gut gestoppt werden können. Selten aber bedeutungsvoll sind Reaktionen der Leber.

Während einer solchen Behandlung sollen Sie stets in engem Kontakt zu Ihrem behandelnden Arzt stehen, damit sie individuell und sicher versorgt werden können.

Evorolimus (RAD 001 bzw. Afinitor®)

Diese Substanz blockiert ein anderes Molekül in der Informationskette, die die Zellteilung und das Tumorwachstum anregt. Dieses Molekül wird m-TOR genannt. Neueste Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Substanz ganz besonders gut in der Kombination mit einer antihormonellen Therapie bei fortgeschrittenen Brustkrebserkrankungen wirkt – besser als eine antihormonelle Behandlung als alleinige Therapie.

Nebenwirkungen

Unter Evorolimus kann in seltenen Fällen eine besondere Form einer Entzündungsreaktion der Lungen auftreten (Pneumonitis). Dabei handelt es sich nicht um eine typische Lungenentzündung(Pneumonie). Diese Nebenwirkung ist schwerwiegend und bedarf einer speziellen Behandlung.